Es gibt im Alten Testament unterschiedliche Systeme, die Himmelsrichtungen, deren Vierzahl z.B. ; ; ; ; ; ; ; ; ; nennen, zu bezeichnen:
1. Grundsätzlich richtet sich die „Orientierung“ (vgl. „Orient“) zum Sonnenaufgang im Osten, so dass der sich der Osten vorn (qædæm u. Ableitungen), der Westen hinten (’achǎrê / ’achǎrôn), der Süden rechts (jāmîn / têmān) und der Norden links (śəmo’l) befindet.
2. Osten, Westen und Süden werden nach dem Verlauf der → Sonne bezeichnet: Der Aufgang der Sonne (mizrāch [šæmæš]; môṢā’ê boqær) meint den Osten, ihr Untergang (məbô’ šæmæš; ma‘ărābāh / ‘æræv) den Westen, ihr Lauf durch den Tag den Süden (dārôm).
3. Die Himmelsrichtungen werden auch nach geographischen Gesichtspunkten benannt: Das (Mittel-)Meer (jām; → Meer) kennzeichnet den Westen; der Norden ist durch den nordsyrischen Zafon, den Berg Ṣpn, heute Ğebel el-Aqra‘ [Gebel el-Aqra] bezeichnet (Ṣāfôn). Der Begriff nægæv „Trockenland“ wird für den Negev und den Süden verwendet. Ein weiterer Begriff für den Süden, têmān (→ Teman; s.o.), ist sekundär zu einer Landschaftsbezeichnung geworden.
Im Alten Testament werden diese unterschiedlichen Systeme aber nicht unbedingt in sich konsequent angewendet, weil sich anscheinend die gebräuchlicheren Formen durchsetzten. Der Norden wird z.B. fast immer mit Ṣāpôn angegeben, der Ausdruck śəmo’l ist dagegen in der Bedeutung „Norden“ nicht sicher belegt; denn er kann in den infrage kommenden Zusammenhängen auch mit „links“ übersetzt werden (vgl. ; ; ).
Die Nennung aller vier Himmelsrichtungen kann eine geographisch definierte Gesamtheit bezeichnen: z.B. in ; das gesamte Weideland der Region, in das gelobte Land in seiner Gänze, in die ganze Welt (s. auch 1.2.; 2.4.).
Im Alten Ägypten ist der Blick grundsätzlich entlang der Nilachse zur Quelle nach Süden (rsw.t) gerichtet, so dass der Westen (jmn.t) die rechte Seite, der Osten (j’b.t) die linke einnahm. In Landschaftsdarstellungen ist der Süden folglich oben abgebildet und er wird in Aufzählungen immer vor dem Norden (mḥ.tj) genannt. Die normale Reihenfolge der Aufzählung bei Göttern, Ritualen, Grundstücksgrenzen u.a. ist S-N-W-O. Ähnlich wie im Alten Testament bezeichnen die vier Himmelsrichtungen eine Gesamtheit, z.B. in geographischer oder auch hierotopischer Hinsicht wie bei der Aufzählung der vier Ecken des Heiligtums. Die Himmelsrichtungen werden, auch als Windrichtungen, mit unterschiedlichen Göttern und Göttinnen gleichgesetzt.
Die spätbabylonische Tafel BM 92687 blickt aus der Vogelperspektive auf die Erdscheibe, um dem damaligen Betrachter in erster Linie weit entfernte Gebiete zu beschreiben. Die gesamte Erde, in der altorientalischen Kosmologie unterhalb des Himmels angesiedelt, wird in „vier Quadranten“ (akk. kibrāt erbetti) des gesamten Universums (kiššatu[m]) bzw. der Winde (šāru[m]), die auch für die vier Himmelsrichtungen (šadû[m] „Ostwind / Osten“; šūtu „Südwind / Süden“; amurru[m] „Westwind / Westen“; ištānu[m] „Nordwind / Norden“) stehen können, aufgeteilt. Aufgrund der im Zweistromland verbreiteten Astronomie / Astrologie spielen die Himmelsrichtungen, die nicht nur am Auf- und Untergang der Sonne, sondern auch an den Konstellationen der → Sterne orientiert werden, in einschlägigen Texten eine wichtige Rolle.
Sowohl in als auch in der Inschrift Kuntillet ‘Ağrud [→ Kuntillet Agrud] Nr. 10 (jhwh htmn) ist Gott / JHWH mit dem Süden oder einem gleichnamigen Gebiet (→ „Teman“) verbunden. Da die Lesung jhwh htmn aus Kuntillet ‘Ağrud als gesichert gelten kann, ist die Tradition einer Herkunft JHWHs aus dem Süden bereits in vorexilischer Zeit (spätes 9. Jh.) verankert.
In ist von einem „Nördlichen“ die Rede, der Tod und Verderben zu bringen droht. Entsprechendes ist ; ; .; . u.ö. zu entnehmen. Das → Jeremiabuch identifiziert die Herkunft des Feindes insofern, als in sowohl der → Euphrat als auch die Herkunft der Feinde mit der Himmelsrichtung des Nordens in Verbindung gebracht werden. In der Tat erfolgte der Anmarsch eines Heeres von → Mesopotamien nach Palästina auf der via maris am Mittelmeer entlang, also von Norden her.
Der nach der biblischen Überlieferung () jüngste Sohn → Jakobs und Eponym des gleichnamigen Stammes ist ausweislich seines Namens „Sohn des Südens / im Süden“ ein „Südländer“. Zu beziehen ist diese Lokalisierung wohl auf die israelitischen → Stämme der Rahelgruppe (Ephraim, Manasse, Benjamin), die nördlich von Juda im ephraimitischen Bergland sesshaft waren und deren südlichster Bereich, Benjamin, an der Nordgrenze Judas endete.
Die in ägyptischen und mesopotamischen Texten gut belegte Vorstellung von den vier Himmelsrichtungen bzw. Quadranten / Winden der Welt (s.o. 1.2.1. / 1.2.2.) begegnet auch biblisch (s.o. 1.1) als Umschreibung für die Gesamtheit der Erde (vgl. auch ; ; u.a. sowie die schöpfungstheologischen Texte ; ; ; ; u.a.; → Schöpfung). Diese wird auch in den vier Strömen des → Paradieses () sowie in vorrangig kultisch geprägten Texten wie z.B. (mit Hervorhebung des Ostens) reflektiert. Das detailliert in seinen Dimensionen und hinsichtlich seiner Ausrichtung beschriebene visionäre Heiligtum versinnbildlicht die Totalität des Kosmos.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Derzeit sind Sie als Gast auf den Seiten von WiBiLex unterwegs. Um das Lexikon in vollem Umfang nutzen zu können (z.B. Artikel drucken und durchsuchen, Bilder vergrößert anzeigen), melden Sie sich bitte mit Ihrem Benutzer-Namen an oder registrieren Sie sich kostenlos als neue/r Nutzer/in.
Wenn Sie bereits auf www.die-bibel.de registriert sind, können Sie sich ohne weitere Registrierung mit den gleichen Benutzerdaten auch bei WiBiLex anmelden!