
Abb. 1 Der Prophet Joel (Michelangelo, Sixtinische Kapelle; um 1510).
Da weder die Überschrift noch das Corpus des Buches Joel auf historische Ereignisse anspielen, kann seine zeitliche Einordnung nur aufgrund indirekter Indizien erfolgen. Die ältere Forschung stützte sich für ihre frühe Ansetzung (8. oder sogar 9. Jh. v. Chr.) vor allem auf die Stellung Joels zwischen Hosea und Amos im Masoretischen Text (in der → Septuaginta: nach Micha), auf die unten näher einzugehen ist. Heute wird das Buch von der Mehrzahl der Forscher (Ausnahmen siehe Jeremias, 1988, 91f. mit Anm.1) in das beginnende 4. Jh. v. Chr., d.h. in die Zeit → Esras datiert. Entscheidend dafür ist, dass Joel auf eine Fülle älterer Prophetenworte anspielt oder sie gar zitiert, vor allem zum Thema des → „Tages Jahwes“ (vgl. besonders ; ; ; .). Zudem liegt die Leitung des Gemeinwesens bei → Ältesten und → Priestern, die „Diener Jahwes“ bzw. „Diener des Altars“ heißen (.; ); es findet die Darbringung täglicher Speise- und Brandopfer statt und Jerusalem ist (wieder) ummauert (.). Außer in den Nachträgen . ist nur generell von „Völkern“ die Rede.
Der Name „Joel“ („Jahwe ist Gott“) ist ein geläufiger Bekenntnisname der Spätzeit, der außer in sonst nur 18-mal im → chronistischen Geschichtswerk belegt ist. Joel war „Schriftprophet“ im Sinne einer „gelehrten Prophetie“ (Wolff). Als solcher legitimiert er sich nur selten durch Berufung auf unmittelbare Inspiration (.), zumeist dagegen durch Rekurs auf ältere Prophetenworte, die er aufeinander bezieht und aktualisiert (Jeremias). Sonst wissen wir von Joel nur den ungewöhnlichen Namen seines Vaters „Petuël“ und den Ort seines Wirkens: Jerusalem.
Die Kernkapitel bilden eine literarische Einheit, die formal einer Klageliturgie nachgestaltet ist: Aufrufe zur → Volksklage () und die Klage des Volkes () sowie des Propheten (.) erfahren zuletzt eine Antwort Jahwes (). Jedoch ist mit ein Prolog vorangestellt, und vor allem bilden im Zentrum der Einheit der prophetische Alarmruf angesichts eines furchtbaren Feindes () und der prophetische Ruf zur → Umkehr () neuartige Zwischenglieder. Erfahrene Naturkatastrophe und kommende Not der → Endzeit durchdringen einander unlöslich.

Tabellenvorschau.
Tabelle: Gliederung des Joelbuches.
Seit M. Vernes (Le peuple d´Israel et ses espérances, 46-54) die Kapitel (Septuaginta und Vulgata zählen Kap. 3 als 2,28-32 und Kap. 4 als 3) literarisch von abtrennte, ist die Einheit des Buches umstritten. Die glänzendste Verteidigung der Einheit (ohne die evidenten Zusätze und ) hat H.W. Wolff geboten, und ich bin ihr 1988 noch gefolgt. Aber die Mehrzahl der neuesten Ausleger plädiert m.E. zu Recht für eine Zweiteilung. Während primär von zurückliegenden Erfahrungen sprechen (: Perf.; .: Narrative), die um der Abwehr des „Tages Jahwes“ willen allen zukünftigen Generationen überliefert werden müssen (), nennen die nun ganz von der Gottesrede bestimmten Kapitel im strengen Sinne „eschatologische“, d.h. einmalige und endgültige Ereignisse, und zwar der ferneren Zukunft (vgl. ; ). Durch wird nun auch das in berichtete Geschehen als definitiv abgeschlossen betrachtet: Der „Tag Jahwes“ trifft künftig nicht mehr Israel, sondern die Völker. Die Erkenntnis Jahwes von wird in entsprechend präzisiert und erweitert. Wahrscheinlich hat man im Gefolge O. Plögers als jüngsten Zuwachs noch einmal von zu unterscheiden (Beck, Roth, Jeremias, A.K. Müller), da das Kapitel zwischen und theologisch zu vermitteln sucht.
In der → Septuaginta steht das Joelbuch hinter den älteren Propheten → Hosea, → Amos und → Micha, die → Gottes Gericht gegen das Nordreich Israel bzw. gegen Juda anzusagen hatten, und leitet (mit ) die folgenden Propheten → Obadja, → Jona und → Nahum mit ihrer Völkerthematik ein. Eine weit gewichtigere hermeneutische Funktion hat das Joelbuch im → masoretischen Text zugeteilt erhalten. Hier folgt es unmittelbar auf das Hoseabuch (vermutlich weil sein Umkehrruf an anschließt) und bildet mit ihm eine programmatische doppelte Einleitung. Besonders das Amosbuch, von dem das ältere Joelbuch stark beeinflusst war („Tag Jahwes“, Heuschrecken, Dürre, „Reue“ Gottes etc.), will nun vom Joelbuch her gelesen werden (vgl. bes. die jungen künstlichen Scharniere in . mit und und dazu Schart, 261-265). Aber auch die Themen des „Tages Jahwes“, das häufig in den folgenden Prophetenbüchern wiederkehrt (; ; ; ; ), der an . angelehnten komplexen Wesensdefinition Jahwes (; ; .; ) und bes. des (vergeblichen) → Völkeransturms gegen Jerusalem, das die Mitte () und den Abschluss des → Zwölfprophetenbuches ( und ) prägt, haben Leitfunktion; Letzteres wird betont in eingeführt. Schließlich bezieht sich auch das jüngere Jonabuch mit und betont auf . zurück.
In allen seinen Wachstumsstufen hat das Joelbuch nur ein Thema: den drohenden → „Tag Jahwes“,
1. Schon in den notvollen Naturereignissen (→ Heuschrecken, → Dürre) der Gegenwart, über denen die Israeliten zur Klage aufgerufen werden (, Perfecta), sieht Joel den „Tag Jahwes“ anbrechen. Weil die Nöte die Opfergottesdienste verhindern und sie transparent sind für ungleich schlimmere kommende Gefahren – Jahwe an der Spitze eines grausamen unbezwingbaren Heeres, das Züge der Heuschrecken trägt (, Imperfecta) – schillern die gewählten Begriffe, und die Anspielungen auf ältere Texte vermischen sich. Immer neue Vergleiche werden eingeführt, die sich bewusst präziser Festlegung entziehen und nur das Grauen des Kommenden vermitteln wollen.
2. Ein erstes Mal wagt Joel, nicht nur mit der Rettung Einzelner am „Tag Jahwes“ zu rechnen (), sondern mit der Rettung der gesamten Gemeinde. Im Namen Gottes sagt er daher „auch jetzt noch“ die Möglichkeit ihrer Bewahrung an (), wenn sie denn „umkehrt“, d.h. mit aller innerer Kraft („von ganzem Herzen“) in einem Gottesdienst, an dem ausnahmslos alle Glieder der Gemeinde teilnehmen, ihr Leben auf Gott ausrichtet, im Vertrauen darauf, dass er „langsam im Zorn, aber überreich an Güte“ ist (; vgl. . par.). Wegen dieses Ungleichgewichts ist Gott bereit, „sich das (geplante) Unheil gereuen zu lassen“. Allerdings gilt diese Hoffnung Joels nur unter dem Vorbehalt des berühmten prophetischen „Vielleicht“ (; vgl. ; ; ): Noch so gute menschliche Absichten können Gott in seinem Handeln nicht festlegen. Joel zeichnet damit ein abgründig-ambivalentes Gottesbild: Es ist derselbe Jahwe, der mit seinem unwiderstehlichen Heer die Existenz des Gottesvolks an seinem „Tag“ bedroht und der doch zugleich hofft, das Gericht nicht vollstrecken zu müssen, weil er barmherzig ist. Hinzu kommt, dass Jahwe von seinem furchtbaren Gericht aufgrund seiner Bindung an sein Volk selbst mit betroffen wäre („mein Land“, „mein Weinstock“, .; „mein heiliger Berg“, ).
Israels Klage und „Umkehr“ haben Jahwe zur Barmherzigkeit bewegt, so dass der „Tag Jahwes“ zur Zeit Joels abgewendet wurde und die Pflanzen wieder gedeihen konnten (). Darum wird im Prolog () dringlich zum Erzählen dieses Rettungsweges aufgefordert, denn der „Tag Jahwes“ muss und wird kommen. freilich sieht ihn nur noch die Völker treffen, die durch Gewalt an Israel schuldig wurden und einen vergeblichen Ansturm gegen Jerusalem planen, bei dem sie selbst vernichtet werden. Israels Gottesbeziehung wird dann von niemand mehr gestört werden. dagegen weiß Israel auch ferner am „Tag Jahwes“ in Gefahr. Allerdings sieht der Text künftig jedes einzelne Glied der Gemeinde mit dem (pfingstlichen) „Geist Jahwes“ begabt werden, der – wie zuvor der Prophet Joel - die Zeichen der Zeit zu deuten weiß und zum Bekenntnis auf dem Zion als Bedingung der Rettung anleitet. „Entronnene“ (aus der Völkerschlacht) werden hinzutreten.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Umfassende Literaturangaben finden sich in Jeremias, 1988 und 2007.
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