Vom Menschen ist im Alten Testament in unterschiedlichen Zusammenhängen von der Urgeschichte bis zur Prophetie und den Psalmen die Rede; auch wird er verschieden bestimmt, z.B. als Geschöpf, als erkennendes und handelndes Wesen und als Beter. Übergreifend gilt weithin, was formuliert: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Reden vom Menschen heißt im Alten Testament, vom Menschen vor Gott (coram deo) zu reden und ihn immer auch in seinem Verhältnis zu Gott zu betrachten. Alttestamentliche „Anthropologie“ geht daher einher mit „Theologie“; die Anschauungen über den Menschen sind nicht loszulösen von den Anschauungen über Gott.
Die Anschauungen des Alten Testaments über den Menschen werden in den zentralen Texten dabei nicht als theoretisch-systematische Grundlegungen entfaltet und formuliert, sondern z.B. in erzählender Form in der Urgeschichte dargeboten, im Sprechen zu und über Gott in den Psalmen und in spruchhafter (gnomischer) Form in der Weisheit.
Alttestamentliche Anthropologie bringt nachkonstruierend zum Ausdruck, was an impliziter und expliziter Anschauung über den Menschen im Alten Testament gesagt wird. Die bisherige anthropologische Forschung zum Alten Testament hat sehr stark die expliziten Aussagen herangezogen, die direkt vom Menschen handeln (H.W. Wolff).
Wesentliche Einsichten, die auf diesem Weg erzielt wurden, betreffen die sog. anthropologischen Grundbegriffe:
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Diese Reihe ist zu vermehren um weitere „Stellvertreterausdrücke“ für den Menschen, wie sie sich z.B. in finden: „Israel könnte sich rühmen wider mich und sagen: Meine Hand hat mich errettet“, d.h.: ich habe mich selbst (aus eigener Kraft) gerettet. Solche auf ein Körperteil oder ein inneres Organ bezogenen Ausdrücke sind zahlreich, stehen ebenfalls für den ganzen Menschen und geben einen bestimmten Aspekt an, unter dem er gesehen werden soll:
● Fuß (Aspekt der Präsenz, Kraft und Macht): „Wenn ich sprach: Mein Fuß ist gestrauchelt, so hielt mich, Jahwe, deine Gnade.“
● Auge (Aspekt des Sehens und Erkennens): „Mit Freude sieht mein Auge auf meine Feinde herab und hört mein Ohr von den Boshaften, die sich gegen mich erheben.“
● Ohr (Aspekt des Hörens und Begreifens),
● vgl. weitere Körperteile.
Der Mensch kann nach dem Alten Testament als Ganzes unter dem jeweiligen Aspekt gesehen werden, den ein anthropologischer Begriff oder ein Körperteil zum Ausdruck bringt. Die alttestamentliche Anschauung zum Menschen verzichtet darauf, alle diese Aspekte in ein System zusammenzubinden. Sie stehen vielmehr additiv-parataktisch nebeneinander, ohne in ein „System“ Mensch integriert zu sein.

Abb. 1 Darstellung eines Menschen auf Pithos B aus Kuntillet ‘Ağrūd (8. Jh. v. Chr.)
Diese „Auffassungsweise“ entspricht bildlichen Darstellungen, die wir aus dem alten Israel (und dem alten Orient) kennen: verschiedene Körperteile werden in einer als typisch geltenden Ansicht gezeigt und zu einem Ganzen addiert: der Kopf erscheint in Seitenansicht, das Auge in Vorderansicht, die Beine in Seitenansicht, der Oberkörper in Vorderansicht usw. (vgl. Schäfer 1963; Gombrich 1995, Keel 1996; Schroer / Staubli 2002, Wagner 2007b).
Damit unterscheidet sich die alttestamentliche Sicht des Menschen etwa von der griechischen, die den Menschen „systemhaft“ als dichotomisch aus Körper und Geist oder trichotomisch aus Körper, Geist und Seele zusammengesetzt sieht.
Neben den expliziten Aussagen über den Mensch stehen implizite. Es lassen sich etwa bestimmte Eigenarten des „Denkens“, der „Körperauffassung“, des „Fühlens“ finden (Janowski 2006 und 2005; Wagner 2006 und 2007a). Bei diesen Grundbestimmungen handelt es sich um Mentalitäten, die für den alttestamentlichen Menschen prägend sind. Sie bilden die Grundlage für die geistigen Äußerungen; wollen wir diese adäquat verstehen, müssen wir auch diese anthropologischen Grundlagen berücksichtigen. Die drei genannten „Mentalitäten“ – die hier nur exemplarisch für weitere stehen – lassen sich folgendermaßen charakterisieren:
a) Oben wurde unter 2. angedeutet, dass eine Tendenz des „Denkens“ des Alten Testaments darin besteht, sich Phänomenen additiv zu nähern; diese Tendenz lässt sich deutlich beim Parallelismus membrorum beobachten (Wagner 2007a).
b) Körperteilbezeichnungen (Hand, Auge, Ohr usw.) erfüllen im Alten Testament nicht nur die Aufgabe, die entsprechenden Körperglieder zu beschreiben, sondern sind immer auch in ihrer funktionalen Bedeutung zu sehen: „Hand“ kann für Handeln, Machtausüben etc. stehen, „Auge“ für Sehen und Erkennen, „Ohr“ für Hören usw. Dieses „synthetische Denken“ (Wolff; Wagner 2007c) ist Ausdruck einer Körperauffassung, die den Körper stark in Beziehung setzt zu der mitmenschlich-sozialen Welt.
c) Das alttestamentliche Konzept von Gefühl, Emotion und Affekt unterscheidet sich deutlich von dem griechisch-abendländischen. Im letztgenannten Bereich ist die zentrale Metapher für Gefühlsausdrücke die sog. „Behältermetapher“ („er ist voll von Hass/Liebe etc.“). Darin spiegelt sich, dass der Körper als Gefäß für Gefühle und Emotionen aufgefasst wird und der Mensch letztendlich die Aufgabe hat, die „interioren“ Gefühle und Emotionen in seiner materialen Hülle unter Kontrolle zu bringen (Schmitz, Böhme, dazu Wagner 2006). Im Alten Testament findet sich die Behältermetapher so gut wie nicht. Gefühle erscheinen hier als etwas, das (von außen) über den Menschen kommt (: „und der Geist der Eifersucht kommt über ihn“). Für Gefühle und Emotionen gibt es plausible Gründe; man kann sich ihnen „naturgemäß“ kaum entziehen und viel weniger eine „innere Kontrolle“ ausüben, weil sie ja auch nicht als im Innern des Körpergefäßes entstehend gedacht werden. In einigen Texten hat es den Anschein, als sollten die Gefühle durch Verweis auf äußere Normen (: „so tut man nicht in Israel“) der Kontrolle unterworfen werden.
Alle Bestimmungen, die sich über den Menschen aussagen lassen und Gegenstand der alttestamentlichen Anthropologie sind, finden sich im „Bild“ Gottes wieder als Gegenstand der Theologie. Anthropomorphe Redeweise prägt das ganze Alte Testament. Durch das Bilderverbot ist die anthropomorphe Vorstellung von Gott im Alten Testament eingeschränkt auf den Bereich des sprachlich-mentalen Bildes (vgl. Uehlinger, Art. Bilderverbot, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Bd.1, Sp.1574-1577). In diesem Bereich entfaltet sich ein reichhaltiges Reden von Gottes Gestalt (Anthropomorphismus im engeren Sinne), Gottes Gefühlswelt (Anthropopathismen), seinem Handeln (Anthropopragmatismus) und Sprechen (Anthropolingualismus). Durch den Anthropomorphismus wird Gott nach dem Alten Testament als handlungs- und kommunikationsfähiger Partner des Menschen gezeichnet, der wie der Mensch auch eine emotionale Seite hat. Diese Konzeption macht Gott dem Menschen fassbar und bildet ein Gegengewicht zu einem allzu abstrakten Gottesbild (→ Körper / Körperteile).
Zentrale und zum Teil divergente anthropologische Positionen finden sich im Alten Testament in folgenden Kontexten:
● In der nicht-priesterschriftlichen → Urgeschichte herrscht ein Menschenbild vor, das den Menschen in seiner Anlage zur Sünde vor Augen führt, dem aber die stetige Bewahrung durch Gott an die Seite gestellt wird (v. Rad, 1987, 116-118). Der Mensch wird als Geschöpf Gottes eingeführt (Erschaffung des Menschen in Gen 2); Grundbedingungen der menschlichen Existenz sind ätiologisch als Folge von Gebotsübertretungen charakterisiert (Gen 3 Lebensarbeit und Geburtsschmerz als Folge des Essens vom Baum der Erkenntnis u.ä.). Der nach der Sintflut zurückgenommene Vernichtungsbeschluss (.) garantiert für alle Zeiten trotz der Anlage zur Sünde ein gedeihliches Leben unter den vorher erzählten Bedingungen der menschlichen Existenz (vgl. R. Albertz, Art. Mensch II, in: Theologische Realenzyklopädie XXII, 464-474).
● Ungleich positiver erscheint der Mensch dagegen in der Konzeption der priesterschriftlichen Urgeschichte: Der Mensch ist hier das höchste der Schöpfungswerke (), er ist „Standbild“ (= Repräsentant) Gottes auf Erden (imago dei), ist männlich und weiblich geschaffen (keine Geschlechterunterordnung), gottunmittelbar sowie herrschafts- (dominium animalium et terrae) und kommunikationsfähig; von daher kann er „gleichartig“ (≠ identisch) zu Gott heißen (). Der Mensch schlechthin erscheint so in der Rolle des verantwortlichen Gegenüber Gottes, eine Rolle, die in der altorientalischen Königsideologie der König inne hat; bei P kann daher von einer „Royalisierung“ des Menschen gesprochen werden (Janowski 2004; Waschke).
● Texte des → Deuteronomistischen Geschichtswerkes von Dtn/Josua bis 2Kön (DtrG) schärfen bei ihrer Sicht auf die Geschichte Israels ein, dass der Mensch ohne die Orientierung an der Tora verloren ist und machen die von den Geboten der Tora abweichenden Könige als Ursache des Untergangs staatlich-selbständiger Existenz aus (H.C. Schmitt).
● Innerhalb der → Prophetie und der prophetischen Überlieferung prägt sich insbesondere die Vorstellung von der Verantwortlichkeit des Menschen für sein Leben und Verhalten und für das Leben anderer; zunächst steht in der Prophetie des 8.-6. Jh.s das Volk als Gegenüber zu Jahwe im Vordergrund; in späteren prophetischen Texten (→ Tritojesaja) tritt zunehmend der einzelne Mensch in diese Rolle ein; am Ende steht das einzelne menschliche Individuum dem einzigen Gott gegenüber und muss sich zu ihm bekennen; Koch (1995,22-23) spricht von der Korrespondenz zwischen Monotheismus und Monanthropologie.
● Auch in der → Weisheit steht der einzelne Mensch im Zentrum der Überlieferungen. Ziel und Bestreben ist es, ein weisheitlich erfülltes Leben zu führen, wobei die „Machbarkeit“ des erfüllten Lebens vorausgesetzt wird; der Mensch hat die Ordnungen der Welt zu entdecken, denen auch er unterworfen ist, deren Erkenntnis er sich aber zu Nutze machen kann. Erkenntnis- und Gestaltungswille bestimmen daher den Weisen, den „Sachverständig-Tüchtigen“. Erst in einem längeren Prozess wird diese im gesamten Alten Orient vorfindliche weisheitliche Lebensanschauung israelitisiert bzw. jahweisiert (Michel; Müller).
● Die → Psalmen bieten einen eigenen Kosmos an anthropologischen Positionen. Paradigmatisch sprechen sich hier Menschen in ihrer Grundbefindlichkeit Gott gegenüber aus (Lob, Klage), wird die Vielfalt menschlichen Lebens coram deo reflektiert und verbalisiert (Janowski 2006).
Alle die beschriebenen Facetten bzw. Aspekte können jeweils als eine vollgültige Menschensicht „des“ Alten Testaments verstanden werden. Ein basso continuo findet sich in der Vorstellung von Gott und Mensch als Gegenüber, in der Geschöpflichkeit des Menschen und seiner Freiheit zum Handeln. Das Alte Testament insgesamt, in der Fülle seiner Aspekte, bringt es auf eine Volltönigkeit an anthropologischen Perspektiven, die es sowohl in der Religionsgeschichte wie überhaupt in der Menscheitsgeschichte zu einem singulären Dokument macht.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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