Andere Schreibweise: Jeschua; Joshua (engl.)

Abb. 1 Josua als geharnischter Ritter (Werkstatt Lukas Cranachs; 16. Jh.)
Josua (hebr.
Josua, der Sohn des Nun, ist nach .; und ein Angehöriger des Stammes Ephraim. Sein ursprünglicher Name lautet Hosea. erzählt von der Umbenennung in Josua durch Mose.
Die Funktion Josuas ist zunächst die eines Dieners und Assistenten des → Mose (vgl. u.a. ; ; ; ; ); so führt er unter anderem den Kampf gegen → Amalek an () und gehört zu den 12 Kundschaftern, die von Mose nach Kanaan geschickt werden (). Später wird Josua der Nachfolger des Mose (u.a. ; ; ) und übernimmt bei der → Landnahme und Landverteilung eine zentrale Rolle (Jos 1-24): Wie Mose mit der Erteilung der Weisung die Lebensbedingung Israels festgelegt hat, so schafft Josua mit der Einnahme und Verteilung des Landes die Grundlage für das weitere Leben des Volkes.
Dem direkten historischen Zugriff bleibt die Gestalt des Josua zwar entzogen, als Leitfigur der Anfänge Israels in Palästina ist sie jedoch in die Glaubensgeschichte eingegangen. Die Rezeptionsgeschichte betont die militärische Rolle Josuas (Josephus, Antiquitates IV 165; Text gr. und lat. Autoren), kennt jedoch auch andere Züge: Josua, den Propheten (4Q175, 4Q379) und Josua, den Lehrer der Tora (4Q47). Im Mittelalter ist es schließlich Josua und nicht Mose, der mit David und Judas Makkabäus zu den drei jüdischen Helden gehört, die zusammen mit je drei Beispielen aus Christentum (Artus; Karl d. Gr.; Gottfried von Bouillon) und Heidentum (Hektor; Alexander d. Gr.; Caesar) die exemplarischen Vorbilder der Weltgeschichte bilden.
Josua, der Enkel des Seraja, in manchen deutschen Übersetzungen als Jeschua von Josua, dem Sohn des Nun, unterschieden, entstammt einer bedeutenden Priesterfamilie der vorexilischen Zeit. Neben dem Statthalter → Serubbabel gilt dieser in Babylon geborene Josua als Adressat im Aufruf zum Tempelbau (u.a. ). u.a. beschreiben ihn in einer Vision sowohl als Angeklagten als auch als Träger des sakramentalen priesterlichen Amtes mit königlicher Würde. Die Funktion Josuas spiegelt die Anfänge des nachexilischen Priestertums und steht zugleich für die allmähliche Profilierung messianischer Erwartungen.
Tabelle: Bibelkundlicher Überblick über das Josuabuch
Das nach Josua, dem Sohn des Nun, benannte Buch besteht aus zwei großen Hauptteilen und einem kleineren Schlussabschnitt: Auf die Erzählungen von dem Einzug und der Eroberung des Westjordanlandes durch die Israeliten () folgen die Schilderung der Verteilung des Landes an die einzelnen Stämme () und zwei Abschiedsreden Josuas samt der Mitteilung über dessen Tod und Bestattung ().

Abb. 2 Die Eroberung Jerichos (Jean Fouquet; 15. Jh.)
1. Die Eroberung des Westjordanlandes in Jos 1-12. Der erste Teil des Buches beginnt mit dem Auftrag JHWHs an Josua, das Land westlich des Jordans einzunehmen (Jos 1). Josua schickt daraufhin zwei Kundschafter nach Jericho, wo sie von → Rahab gerettet werden (). JHWH ermöglicht, dass das Volk durch den Jordan in das Land einziehen kann (). Es folgen die Erzählungen von → Beschneidung und Passa (), der wunderbaren Eroberungen von → Jericho () und von → Ai (). Der Durchzug durch den Jordan und die Eroberungen von Jericho und Ai kulminieren in dem Altarbau auf dem Berg → Ebal () – ein Paradigma für den Gehorsam gegenüber der → Tora, denn hier wird im Wesentlichen durchgeführt; ferner wird die gesamte Tora von Josua vorgetragen.
Den Bewohner von Gibeon gelingt es, sich durch eine List vor der Eroberung zu schützen und ein Bündnis mit Josua zu schließen (). Dies hat einen Krieg mit einer Allianz kanaanäischer Fürsten zufolge, endet jedoch mit dem Sieg Josuas bei Gibeon () und bei den Gewässern von Merom (). Der erste Buchteil endet mit der Aufzählung der von Israel eingenommenen Gebiete () und besiegten Könige ().

Abb. 3 Die Verlosung des Landes (Raphael; 16. Jh.)
2. Die Verteilung des Westjordanlandes in Jos 13-22. Der zweite Teil des Buches schildert die Verteilung bzw. Verlosung des Landes an die Stämme Israels mit Ausnahme der Stämme Ruben, Gad und dem halben Stamm Manasse, die ihr Gebiet schon im Ostjordanland erhalten haben (vgl. ). Die Verteilung geschieht in zwei Schritten. Zunächst erhalten Kaleb, Josua und die Josefstämme ihre Anteile (; ). Anschließend wird anlässlich einer Versammlung in Silo () das restliche Land aufgezeichnet, in sieben Teile gegliedert und unter den übrigen Stämmen verlost (). Danach werden sechs → Asylstädte ausgewählt, die denjenigen Personen Zuflucht ermöglichen sollen, die ohne Absicht jemanden getötet haben (; vgl. ). Da den Leviten zur Ansiedlung kein geschlossenes Gebiet zugeteilt worden war (; ), erhalten sie 48 Städte mit deren Weidegebieten (). Nach der Entlassung der ostjordanischen Stämme in ihre Gebiete () kommt es wegen eines großen Altars am Jordan zum Konflikt mit den übrigen Stämmen. Es wird festgelegt, dass der Altar lediglich die Zugehörigkeit der ostjordanischen Stämme zu Israel bezeugen soll ().

Abb. 4 Die Verlosung des Landes (Julius Schnorr von Carolsfeld; 19. Jh.)
3. Die Abschiedsreden Josuas und sein Tod in Jos 23-24. Der dritte Teil beginnt mit zwei Abschiedsreden Josuas. In der ersten Rede () ermahnt Josua das Volk zur Treue gegenüber JHWH und warnt vor der Vermischung mit anderen Völkern. In der zweiten Rede () führt er dem versammelten Volk in Sichem die Heilsgeschichte vor Augen. Das Volk wird dazu aufgefordert, dem Beispiel Josuas zu folgen und JHWH zu dienen (). Nachdem sich das Volk dazu bereit erklärt hat, wird es von Josua feierlich auf die Tora JHWHs verpflichtet (). Zur Erinnerung an dieses Gelübde errichtet Josua als sichtbares Zeugnis einen Stein (). Das Buch endet mit Tod und Bestattung Josuas, Eleasars und der Gebeine → Josefs ().
Im Buch Josua bestehen zwischen dem masoretischen Text (MT) und der ältesten Fassung der → Septuaginta (LXX) erhebliche Unterschiede. So die LXX-Fassung des Codex Vaticanus ca. 4-5% kürzer als MT, an einigen Stellen allerdings länger. Der kürzere Text kann unter Umständen auf eine frühere Gestalt des Buches zurückgehen. Die in → Qumran gefundenen hebräischen Texte des Josuabuches, die auf eine eigenständige Vorlage hinweisen, stehen hingegen MT näher als LXX.
Die Entstehung des Buches Josua lässt sich modellhaft in 3 Phasen einteilen:
1. Vordeuteronomistische Überlieferungen. Zu den ältesten vordeuteronomistischen Überlieferungen des Josuabuches sind unter anderem die sog. „Stadteroberungsgeschichten“ (Jos 2-9*) zu rechnen. Ob diese Erzählungen bereits in vordeuteronomistischer Zeit zu einem Textzusammenhang vereinigt wurden (M. Noth) oder nicht (V. Fritz), bleibt umstritten. Möglicherweise gehören die Liste der besiegten Könige (Jos 12,7*.9-24), einige in Jos 15-19 enthaltene geografische Beschreibungen und Listen sowie die Erzählung von der Versammlung in Sichem (Jos 24*) ebenfalls zum ältesten Grundbestand des Buches Josua.
2. Deuteronomistische Redaktion(en). Aus der Hand deuteronomistischer Redaktionen stammen vermutlich Reden (.; ; ; ), Summarien (; ) und Aufzählungen (). Hinsichtlich der zeitgeschichtlichen Einordnung der unterschiedlichen deuteronomistischen Schichten im Josuabuch sowie darüber, ob letztlich vielleicht doch nur mit einer einzigen deuteronomistischen Schicht zu rechnen ist, gibt es in der Forschung keinen Konsens.
3. Priesterliche Zusätze. Mit ziemlicher Sicherheit ist die Verteilung der Städte an die Leviten () einer priesterlichen Redaktion zuzuschreiben. Vielleicht gilt dies auch für die Regelung zum Kult im Ostjordanland ().
Letztlich bleibt festzuhalten, dass in Bezug auf den literarischen Entstehungsprozess des Josuabuches lediglich in der grundsätzlichen Anerkennung der deuteronomistischen Redaktionsarbeit Konsens besteht.
Das Josuabuch kann nicht als historische Quelle der sog. Landnahme des Volkes Israel angesehen werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat es eine solche kriegerische Landnahme als Feldzug des Zwölf-Stämme-Volkes Israel samt der Vernichtung aller Bewohner des Landes nie gegeben. Der in jener Epoche historisch und archäologisch feststellbare Niedergang der kanaanäischen Stadtstaaten samt der Zerstörung einiger Städte ist nicht als das Werk Israels anzusehen. Die Größe → „Israel“, die sich im 12. Jh. als eine „Mischgesellschaft“ formierte, deren Mitglieder vornehmlich nicht von außerhalb kamen, sondern bereits zuvor als Halbnomaden oder als „Kanaanäer“ im Lande lebten, ist vielmehr in dieser Zeit als Konsequenz aus dem Zusammenbruch des kanaanäischen Stadtstaatensystems in Verbindung mit dem Rückgang des ägyptischen Einflusses in Kanaan entstanden. Der von der Archäologie für die Eisenzeit I (1200-1000 v. Chr.) nachgewiesene Prozess der allmählichen Besiedlung des judäischen und ephraimitischen Berglandes, der galiläischen und ostjordanischen Regionen, wird im Buch Josua hingegen nicht reflektiert.
Die Erzählungen des Josuabuches heben durch die Darstellung des Einzugs des Volkes Israel von außen in das Land hervor, „dass die Bindung Israels an »das Land« sich ganz der besonderen Zuwendung Gottes verdankt“ (Hentschel, 2004, 210).
Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht stellt das Buch Josua nicht die Landnahme in den Mittelpunkt, sondern die Landgabe (; ; ; ; ; ; ). Israel hat das Land von JHWH als „Erbbesitz“ und „Heilsgabe“ (V. Fritz) erhalten (vgl. ; ; ; ; ; ).
Dadurch, dass das Buch Josua betont, dass Gott die Zusage des Landbesitzes bereits den Vätern gegeben hat (; ; ; ), wird ein Bogen zu den → Erzelternerzählungen gespannt (; ; ; ; ; ; ; ). Die Verheißungen Gottes haben sich aus der Sicht des Josuabuches mit der Sesshaftwerdung Israels erfüllt.
Die deuteronomistisch geprägten Erzählungen des Josuabuches sprechen davon, dass JHWH Krieg für Israel führt (), die Feinde in die Gewalt Israels gibt (; ; ) und dass Israel dazu berechtigt ist, den Bann an den bisherigen Landbewohnern zu vollziehen (; ; ; ; ). Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, dass Israel Krieg und Gewalt im Namen Gottes legitimieren will. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der massiven Kriegsdarstellung betont das Buch Josua Gottes machtvolles Eintreten für sein Volk, dem er entgegen aller Widerstände das Land übergibt. „Vor Gott als dem eigentlichen Kriegsherrn haben die Feinde keinen Bestand“ (Fritz, 1994, 16).
Das Volk Israel ist nach dem Einzug ins Land nicht zur Passivität verurteilt. Vielmehr gilt es, in Freiheit eine Entscheidung zu treffen zwischen dem wahren Gott und den falschen Göttern. Es ist Josua, der die Israeliten an ihre Verantwortung erinnert und sie vor die Wahl stellt, wem sie dienen wollen. Er selbst hat seine Entscheidung bereits getroffen: „Ich aber und mein Haus, wir wollen JHWH dienen“ (). Was geschieht, wenn Israel sich nicht für JHWH entscheidet, wird im Josuabuch offen benannt: die Israeliten werden „rasch aus dem schönen Land verschwinden“ (). Das Josuabuch „wird so zur Mahnung und zum Programm für ein »neues« Leben im Land. Als Orientierung dient die Tora. Wer sich an das Gesetzbuch des Mose hält und weder nach links noch nach rechts abweicht, dessen Lebensweg wird gelingen (.; )“ (Hentschel, 2004, 211f).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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