Im Jahr 1928 veröffentlichte Karl Budde mit seinem Buch „Jesajas Erleben. Eine gemeinverständliche Auslegung der Denkschrift des Propheten (Kap. 6,1-9,6)“ erstmals die These, sei das Vermächtnis des Propheten, das er seinen Schülern hinterließ. Er versteht die Denkschrift als eine abgeschlossene Sammlung rund um die Ereignisse des → syrisch-ephraimitischen Krieges, die auf den Propheten → Jesaja selbst zurückgeht. In seiner Darstellung diskutiert er die Probleme, die bis heute umstritten sind:
1. Abgrenzung: Die Denkschrift bietet mit dem Verschlussauftrag in einen ersten Abschluss, ein Neueinsatz findet sich jedoch noch nicht in , sondern erst in .
2. Einheitlichkeit: Jes 6 und Jes 8 sind als Bericht in der 1. Pers. Sg. abgefasst (Ich-Bericht), Jesaja 7 hingegen in der 3. Pers. Sg. (Er- oder Fremd-Bericht). Dieser Wechsel in der Berichtsform ist unter der Perspektive, Jesaja berichte aus seinem Leben, ungewöhnlich.
3. Einbettung: ist von → Weheworten (; ) und dem Kehrversgedicht (; ) umgeben. Damit bildet die Denkschrift den Kern des ersten Teils des Jesajabuchs (1-12). Es ist unklar, ob die Denkschrift innerhalb dieser Komposition tatsächlich als ein völlig eigenständiger und abgeschlossener Text ausgegrenzt werden kann.
4. Verfasser: Geht die Denkschrift auf Jesaja oder eine andere Personen – Autoren und Redaktoren – zurück? Für Karl Budde war die Autorschaft Jesajas noch selbstverständlich, doch die Diskussion in den nachfolgenden Jahrzehnten stellte sie durchgehend in Frage.
Die Denkschrift in gehört zum ersten Teil des Jesajabuches (Protojesaja = Jes 1-39), der in die Einheiten Jes 1-12, Jes 13-23, Jes 24-27, Jes 28-32, Jes 33-35 und Jes 36-39 unterteilt werden kann. Jes 1-12 wiederum kann in folgende Abschnitte gegliedert werden:

Tabellenvorschau.
Tabelle: Der Aufbau von Jes 1-12
Jes 1-12 ist von zwei größeren Ringstrukturen geprägt. Zunächst findet sich in eine erste Komposition, die aus einem unheilstheologischen Kern und einer heilstheologischen Rahmung besteht. In ähnlicher Weise ist dann der Abschnitt gestaltet. Den Kern dieser Sammlung bildet die Denkschrift , die dreifach gerahmt ist: Den inneren Rahmen bildet das Kehrversgedicht, den mittleren bilden Weheworte und den äußeren Untergangsansagen an Juda und an Assur. Inhaltlich schließen sich die beiden Untergangsansagen nicht gegenseitig aus. Das Weinberglied zielt auf eine Verheerung des Landes, die durch die assyrische Invasion realisiert wird. Die Unheilansage gegen Assur nimmt diese Verheerung auf und überführt sie in eine Bestrafung des assyrischen Königs.
Vorangestellt ist den beiden Ringkompositionen mit Jes 1 ein die gesamte folgende Botschaft zusammenfassendes Kapitel. Abgeschlossen wird die Teilsammlung Jes 1-12 schließlich durch die zweite messianische Weissagung (→ Messias) und das Danklied der Erretteten. Ihre Sprache und die in ihnen verwendeten Motive deuten darauf hin, dass diese beiden Elemente erst in nachexilischer Zeit ergänzt wurden.
Die Denkschrift umfasst drei Teile: den → Visionsbericht in Jes 6, die Erzählungen aus dem syrisch-ephraimitischen Krieg in Jes 7-8 und die messianische Weissagung in .
1) Jes 6. Der Visionsbericht in Jes 6 setzt sich aus drei Teilen zusammen: der → Theophaniebeschreibung (), dem Schuldbekenntnis und der Reinigung des Propheten () und dem → Verstockungsauftrag (). Mit dem Verstockungsauftrag kommt die Vision zu ihrem Höhepunkt. Der Prophet wird beauftragt, das Herz des Volkes zu verfetten, damit dieses nicht mehr in der Lage ist, den göttlichen Willen zu erforschen.
2) Jes 7-8. Die Erzählungen aus der Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges in Jes 7-8 berichten in verschiedenen Szenen vom Auftreten des Propheten Jesaja. Zunächst versucht er den judäischen König → Ahas von der Unnötigkeit militärischer Vorbereitung gegen den Angriff der syrisch-ephraimitischen Koalition zu überzeugen. Den Untergang der Koalition sagt er insgesamt dreimal an: mit dem Gotteswort , mit dem → Immanuel-Orakel und dem die Tafelaufschrift deutenden Gotteswort in . Alle drei Worte zielen darauf, die Kurzlebigkeit der syrisch-ephraimitischen Koalition zu zeigen. Das Immanuel-Orakel dient zudem der Bestätigung des ersten Gotteswortes in . Mit dem Zeichen weist der Prophet nach, dass es wirklich eine Botschaft Jahwes ist, die er dem König ausrichtet.
Die Annahme, dass die Ankündigungen in und dieselben Ereignisse im Blick haben, setzt voraus, dass sich die in ihnen enthaltenen Zeitangaben nicht widersprechen. In den deutschen Übersetzungen findet sich in als Zeitangabe bis zum Untergang Israels die Angabe ‚in 65 Jahren’. Diese Zeitspanne ist historisch nicht zu verstehen, da es 65 Jahre nach dem Untergang des Aramäerstaates Damaskus keine Veränderungen in Israel gab. Die Angabe
Die dritte Zeitangabe in gibt einen kürzeren Zeitraum an. Die Fähigkeit, Mutter und Vater zu rufen, wird das Kind schon lange vor dem sechsten bzw. fünften Lebensjahr erworben haben. Während sich Jesaja in Jes 7 an König Ahas wendet, richten sich die Sprüche in Jes 8 an das Volk. Diese setzen voraus, dass es innerhalb des Volkes Teile gibt, die sich vom davidischen Königshaus und dessen Politik abgewendet haben und einen anderen Herrscher bevorzugen würden. Ihnen zeigt Jesaja in was geschehen wird, wenn sie das von Jahwe erwählte Königshaus und damit auch Gott selbst verschmähen.
3) Jes 9,1-6. Der dritte Text in der Denkschrift ist die sog. erste messianische Weissagung, in der dem Volk das Kommen eines neuen Herrschers angesagt wird. Seiner Herrschaft werden das Zurückdrängen der Feinde und die Befreiung des Landes durch Gott vorausgehen. Der anschließend inthronisierte König hat die Aufgabe, den Zustand göttlichen Friedens
4) Zwischenstücke. Die Texte werden durch Zwischenstücke voneinander getrennt. Zwischen und finden sich in Prophetensprüche, die thematisch mit den zuvor ergangenen Unheilsansagen an → Damaskus und Israel übereinstimmen, sich aber auch gegen Juda richten. Und zwischen und der Weissagung in findet sich in ein Abschnitt, der die Dunkelheit beschreibt, in die das in aufstrahlende → Licht einbricht.
Nicht nur die Inhalte der Denkschrift, sondern auch die verwendeten Gattungen sind vielfältig.
1) Jes 6. Aufgrund der einleitenden Worte in
Dies spricht bereits gegen die Zuordnung von Jes 6 zu den Berufungsberichten. Hinzu kommen die Stellung des Textes innerhalb des Jesajabuches, sowie die Formulierung des Auftrags. Während Jer 1 und Ez 1-3 am Anfang des jeweiligen Buches stehen, findet sich Jes 6 in der Mitte. Ferner handelt es sich um eine auftrags- und zeitbezogene Sendung des Propheten. Während in und explizit von einer Berufung zum Propheten
Hartenstein (1997) bringt insofern einen neuen Ansatz, als er zeigen kann, dass jedes Motiv im Text aus dem mesopotamischen Raum stammt und dort mit Unheil verbunden ist (z.B. das Wanken der Türschwellen, der Rauch im Heiligtum etc.). Besonders enge Verbindungen bestehen zur „Unterweltsvision eines assyrischen Prinzen“ (Hartenstein, 1997, 205ff.). Auch wenn gegenüber Hartenstein die Differenzen zur Unterweltsvision eines assyrischen Prinzen stärker hervorgehoben werden müssen (es fehlt z.B. eine Beauftragung des Visionärs), so kann ihm doch insofern gefolgt werden, als Jes 6 als Gerichtsvision zu verstehen ist, die die jesajanische Gerichtsbotschaft legitimieren soll.
2) Jes 7,1-9,6. Bei der Bestimmung der Gattungen in tun sich kaum Schwierigkeiten auf:
• stellt eine Prophetenerzählung in der 3. Pers. dar (Fremdbericht).
• In finden sich drei Unheilssprüche (; ; ) sowie ein Heilswort ().
• ist ein Bericht in der 1. Pers. Sg. (Eigenbericht).
• In finden sich zwei Gottesworte, eingeleitet durch die Formeln
• stellt eine Zukunftsansage dar, wobei sich als Ansage eines kommenden Herrschers heraushebt. Enge Parallelen zu finden sich in Ägypten: die Krönung des Hor-em-heb (deutsche Übersetzung Kaplony-Heckel, U., 1985) und die → Prophezeiung des Neferti (deutsche Übersetzung Kammerzell, F., 1986). Auch wenn auszuschließen ist, dass ein tatsächlich durchgeführtes Ritual einfach protokolliert, ist es wahrscheinlich, dass der Text ein judäisches Krönungsritual voraussetzt, das stark von Ägypten beeinflusst war.
Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die These Buddes in der Forschung nur punktuell hinterfragt. Als erster nahm Otto Procksch in seinem 1930 erschienen Jesaja-Kommentar zu der These Stellung. Er bestritt, dass die Denkschrift eine literarische Einheit sei. Vielmehr sei die Vision in Jes 6 völlig eigenständig und als Berufung des Propheten überdies hinter einzuordnen, da die Berufungsberichte der Propheten immer am Anfang von Büchern stünden.
Mit Georg Fohrers Kommentar im Jahr 1960 setzte eine neue Epoche der historisch-kritischen Forschung an der Denkschrift ein. Fohrer unterscheidet erstmals klar zwischen der Abfassungszeit einzelner Texte, der Komposition und der literarischen Endgestalt. Er beschreibt die Denkschrift als eine eigenständige Sammlung, die sukzessive erweitert wurde. Nach Fohrer gehört der Berufungsbericht in die Frühzeit des Propheten (ca. 736 v. Chr.), Jes 7-8 in die Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges und die messianische Weissagung in sowie die davor stehenden redaktionellen Überleitungen in die nachexilische Zeit. Die ursprüngliche Denkschrift beschränkt er auf .
Ebenfalls 1960 erschien die Neubearbeitung des ATD-Kommentars von Volker Herntrich durch Otto Kaiser. Auch er unterscheidet deutlich zwischen ursprünglicher Abfassung, Komposition und literarischer Endgestalt. Kern der Denkschrift sei die aus der Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges stammende Sammlung . Diese sei nachträglich um den Berufungsbericht Jes 6 und die messianische Weissagung erweitert worden. Die Authentizität der Denkschrift bezweifelt er nicht, vielmehr verändert er sogar den Fremd-Bericht in Jes 7 durch Textemendation zu einem Ich-Bericht. Die Tatsache, dass der Berufungsbericht nicht am Anfang des Jesajabuches steht, deutet für Kaiser gerade auf die Eigenständigkeit der Denkschrift hin.
Die bis heute umfangreichste deutschsprachige Analyse des Jesajabuches bietet der Kommentar von Hans Wildberger (1972). Er weist darauf hin, dass die Denkschrift von dem ursprünglich selbständigen Kehrversgedicht (; ) gerahmt wird, was die Abgeschlossenheit der Denkschrift unterstreicht. Mit der Annahme, nicht Jesaja selbst, sondern der in erwähnte Schülerkreis sei für die redaktionelle Gestaltung der Denkschrift verantwortlich, löst Wildberger schließlich das Problem des zweifachen Personenwechsels zwischen Jes 6, Jes 7 und Jes 8.
Hermann Barth leitete im Jahr 1977 mit seiner Untersuchung „Die Jesaja-Worte in der Josia-Zeit“ die Phase der redaktionsgeschichtlichen Erforschung ein. Er kommt zu der These, ältere Texte, die in ihren Grundzügen auf den Propheten und seine Schüler zurückgehen, wurden in josianischer Zeit unter dem Eindruck der assyrischen Bedrohung redaktionell erweitert, z.B. mit der messianischen Weissagung in (außerdem noch ; ; → Josia).
Die These von der Assur-Redaktion wurde vor allem von Marvin A. Sweeney in seinem 1996 erschienen Jesaja-Kommentar aufgenommen. Er geht insofern noch über Barth hinaus, als er meint, in josianischer Zeit wurden erstmalig einzelne, unverbundene Sammlungen der Sprüche des Propheten Jesaja zu einem Prophetenbuch zusammengestellt und bei dieser Gelegenheit redaktionell erweitert. Zu den der Redaktion bereits vorliegenden Texten gehören auch Jes 6,1-11; Jes 7,2-17*.20; Jes 8,1-15 und Jes 8,16-9,6 und damit der Hauptbestand der Denkschrift. Diese Texte mögen eine autobiographische Sammlung gebildet haben, sie wurden aber erst im späten 7. Jh. v. Chr. zu einem fortlaufenden Text verbunden.
Einen anderen zeitlichen Zusammenhang stellt Otto Kaiser in der Neuauflage seines ATD-Kommentars her (5. Aufl. 1981). Er deutet die Denkschrift als einen exilisch-nachexilischen Versuch, den Untergang Jerusalems zu verarbeiten. Die Verfasser entnahmen den auf Jesaja zurückgehenden Kapiteln Jes 28-31 und dem → Deuteronomistischen Geschichtswerk den für die Denkschrift entscheidenden Glaubensbegriff, der wiederum die beiden theologischen Grundkonzepte der Denkschrift prägt: die Verstockungstheologie in und die Entscheidungstheologie in . Dabei betrachtet Kaiser Jes 7 als den ursprünglichen Teil, Jes 6 dagegen als spätere Erklärung für die falsche Entscheidung des Königs. Insgesamt bestehe die Denkschrift aus vier Schichten, 1) einem deuteronomistisch geprägten Kern in Jes 7, 2) einem Rahmen um diesen Text, mit dem der Redaktor die Denkschrift schuf, 3) einer eschatologischen, unheilstheologischen Schicht (erneutes Gericht Jahwes) und 4) einer abschließenden heilstheologischen Schicht, die antieschatologisierend auf die Denkschrift einwirkt.
Die These von der deuteronomistisch beeinflussten Abfassung von Jes 7 nahm Kaisers Schüler Uwe Becker in seiner 1997 erschienen Habilitationsschrift „Jesaja – von der Botschaft zum Buch“ auf. Den Kern der Denkschrift entdeckt Becker jedoch in ; . Dieser älteste Kern zeige den Propheten Jesaja als Heilspropheten, der den Untergang der syrisch-ephraimitischen Koalition verkündete. Die deuteronomistisch geprägte Redaktion habe dann Jesajas Botschaft durch den Einbau des Fremdberichts in Jes 7*, der wiederum literarisch von Jes 36-39 // 2Kön 18-20 abhängig sei, in eine Untergangsansage an die davidische Dynastie umgeformt. Da eine Abfassung von Jes 7* erst in nachexilischer Zeit denkbar ist, kann auch die Denkschrift insgesamt frühestens in dieser Zeit geschaffen worden sein.
Im Jahr 1988 legte der dänische Forscher Jesper Høgenhaven mit seinem Buch „Gott und Volk bei Jesaja“ ein redaktionsgeschichtliches Modell vor. Der älteste Kern der Denkschrift müssen seiner Meinung nach die drei Namen der Kinder Jesajas sein, da Namen bei der Umgestaltung von Texten die höchste Widerstandsfähigkeit besitzen. Inhaltlich sind die Namen Heilszeichen, die zur Verstockung in Jes 6 in Widerspruch stehen. So kommt Høgenhaven zu dem Schluss, Jes 6 gehöre nicht ursprünglich zur Denkschrift, sondern wurde erst später ergänzt, vermutlich unter deuteronomistischem Einfluss in der Exilszeit. So rekonstruiert Høgenhaven schließlich drei Schichten: die Texte, die mit den Namen verbunden sind, die Unheilssprüche, die mit der Gerichtsvision Jes 6 verbunden sind, und die messianische Weissagung, die zwar aus jesajanischer Zeit stammt, aber erst spät der Denkschrift angehängt wurde.
In seiner Dissertation „Prophetenwort und Geschichte“ untersuchte Jörg Barthel neben der Denkschrift auch den sog. Assur-Zyklus (Jes 28-31), der in seinem Grundbestand auf Jesaja selbst zurückgeführt wird (Barthel, 1997). Barthel nimmt die Abschlussnotiz als Hinweis auf das ursprüngliche Ende der Denkschrift. Bei handele es sich um eine sekundäre Ergänzung aus der Zeit des Königs → Manasse (696-642 v. Chr.), in der auch der Grundbestand von Jes 2-10 entstand. Innerhalb der Denkschrift erkennt Barthel einen konzentrischen Aufbau: Jes 6 und , beides Ich-Berichte mit dem Thema der Gerichtsansage, bilden einen Rahmen um den Mittelteil .
In seinem im Jahr 2003 erschienen Jesaja-Kommentar legt der niederländische Jesaja-Forscher Willem A.M. Beuken ein redaktionskritisches Modell vor, das an der Person des in angesagten Kindes → Immanuel orientiert ist. Er geht sogar soweit, die Denkschrift als Immanuelschrift zu bezeichnen. Grundbestand der Denkschrift sind seiner Analyse zufolge drei zunächst voneinander unabhängige Texte ; (Ich-Berichte) und (Fremdbericht). Die Zusammenstellung und schriftliche Fixierung erfolgte im Schülerkreis des Propheten. Die messianische Weissagung wurde dann in einer ersten Redaktion zusammen mit dem Weinberglied ergänzt. Eine zweite Redaktion fügte schließlich die Weheworte und das Kehrversgedicht ein, so dass eine Ringstruktur um die Denkschrift entstand. Im Mittelpunkt dieser Komposition steht nach Beuken die Verkündigung des kommenden Herrschers Immanuel. Mit ihm und der Erwartung seiner Herrschaft wird die Hoffnung auf eine gelingende Zukunft aufrechterhalten.
Im Jahr 2006 legte Thomas Wagner mit seiner Dissertation „Gottes Herrschaft. Eine Analyse der Denkschrift ()“ ein weiteres Modell vor. Intensiver als seine Vorgänger nutzt er altorientalische Quellen für die Datierung der alttestamentlichen Texte. Er nimmt an, dass die Denkschrift in drei Stadien entstanden ist. Zur ersten Fassung der Denkschrift aus der ersten Hälfte des 7. Jh.s v. Chr. rechnet er die in die Zeit Jesajas zurückgehenden Erzählungen über den syrisch-ephraimitischen Krieg (Jes 7-8*) und die in früh-nachjesajanischer Zeit entstandene Gerichtsvision in *. Nach thematisch passenden Ergänzungen in josianischer Zeit setzt er die zweite Fassung der Denkschrift in exilischer Zeit an. In dieser zweiten Fassung sind Untergangsansagen in *; * und sowie die Abschlussnotiz in neu. Ihren heutigen Umfang erhielt die Denkschrift schließlich in persischer Zeit (Mitte des 5. Jh.s v. Chr.), zum einen durch die chronologisierende Ergänzung in und die Heilserweiterungen in . (Glossen) sowie , zum anderen durch das Anfügen der, bis dahin unabhängig von der Denkschrift überlieferten, messianischen Weissagung und der zu ihr gehörigen Erweiterungen aus josianischer und exilischer Zeit. war ursprünglich als Weissagung auf Hiskija bezogen, wurde von der Endredaktion der Denkschrift dann aber verwendet, um die Figur des Immanuel in auszugestalten.
Neben den primär redaktionsgeschichtlich orientierten Untersuchungen wurden in den letzten Jahrzehnten auch Analysen vorgelegt, die sich der Denkschrift als einer geschlossenen, kohärenter Komposition zuwenden und die Wachstumsfragen weitgehend ausklammern.
1972 hat Odil Hannes Steck in seinem Beitrag „Bemerkungen zu Jesaja 6“ die Denkschrift als Komposition aus drei parallelen, sich steigernden Redegängen verstanden (; .; ..). Am Ende dieser Redegänge steht eine Mahnung an die Leser, dass allein Jahwe über das Ergehen Jerusalems richten wird. Die Erfüllung dieser Botschaft liegt dagegen außerhalb der ursprünglichen Denkschrift und wurde erst sekundär in sie eingetragen. Steck führt die Denkschrift auf den Propheten Jesaja zurück und datiert sie in das Jahr 733 v. Chr.
Das von Steck vorgeschlagene Modell wurde 1986 von der dänischen Theologin Kirsten Nielsen in ihrem Aufsatz „Is 6:1-8:18 as Dramatic Writing“ aufgenommen. Gegen Steck sieht Nielsen aber einen fünfteiligen Aufbau der Denkschrift: Drei Mittelteile werden durch die Visionen und gerahmt. Verbindendes Element ist neben der Gattung Vision das Spiel mit der Wurzel
Ein weiteres Modell legte Erhard Blum in seinem zweiteiligen Aufsatz „Jesajas prophetisches Testament“ (1996/1997) vor. Seiner Analyse zufolge geht der Grundbestand in auf eine Komposition zurück, die von Jesaja selber am Ende seiner Wirksamkeit abgefasst wurde. Empfänger dieser Botschaft war sein Schülerkreis. Jesaja nimmt in seine umfangreiche Schrift auch seine bereits veröffentlichte Denkschrift auf. Diese umfasste aber lediglich *. Sie war in die drei ähnlich strukturierten Abschnitte *; * und gegliedert und schloss mit einer ‚resümierend-appellativen Anrede’ (Blum, 553) der Adressaten () und der Abschlussnotiz () ab. Ihr Ziel war es, das Handeln des Propheten zur Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges zu rechtfertigen. Im Zuge der Erstellung seiner Jes 1-11* umfassenden Schrift, fügte der Prophet in Jes 6 eine Vision ein, die er, von einem in erhaltenen Verblendungsspruch inspiriert, für diesen Kontext literarisch geschaffen hat.
Im Jahr 1998 legte Ulrich Berges in seiner Habilitationsschrift „Das Buch Jesaja“ eine detaillierte Kompositionsanalyse vor. Grundlegend ist die Beobachtung von Rahmungen: Die Denkschrift ist dreifach gerahmt, was für ihre ursprüngliche Selbständigkeit spricht. Innerhalb der Denkschrift werden die drei Zeichen von den beiden Ich-Berichten . und . umgeben. Bei der Darstellung der drei Zeichen lässt sich wiederum eine konzentrische Struktur ausmachen. und umgeben die Bewahrungszusage in Jes 7,15.16bβ.17b*. Diese drei Zeichenerzählungen dürften ursprünglich einen eigenständigen Erzählzusammenhang und damit den Kern der Denkschrift gebildet haben. Die beiden Ich-Berichte deutet Berges als Berufungsberichte: . als Berufung des Propheten, als Berufung der Jünger. Als Abfassungszeit des Grundbestands gibt Berges die Regierungszeit → Manasses an. Er spricht der Denkschrift eine pädagogische Funktion zu: Sie sollte Manasse in seinen ersten Regierungsjahren davor bewahren, dieselben Fehler wie sein Großvater Ahas zu begehen. Erst nachexilisch wurden die Zeichenablehnung ., die Immanuelweissagung ..α, die Rest-Schicht und die beiden Anschlussdichtungen aα und ein- bzw. angefügt.
Am Ende dieser Vorstellung der Denkschrift Jesajas soll nicht verschwiegen werden, dass es auch Exegeten gibt, die Buddes These der Existenz einer Denkschrift ablehnen.
Als erster Kritiker trat Henning Graf Reventlow 1986 mit einem Referat auf dem Kongress der Internationalen Gesellschaft für das Studium des Alten Testaments in Jerusalem auf (veröffentlicht 1987). Er kritisiert, dass der Begriff „Denkschrift“, jedenfalls so wie ihn Budde verwende, nämlich als testamentarische Überlieferung des Propheten, voraussetze, dass die Schrift von Jesaja selbst stamme. Dabei habe die Forschung aber nachgewiesen, dass die Texte redaktionellen Ursprungs seien.
Ausgeweitet wurde die Kritik Reventlows durch den Aufsatz „The Isaianic Denkschrift: Reconsidering an Old Hypothesis“ von Stuart A. Irvine (1992). Einerseits bezweifelt er die These, das Kehrversgedicht rahme die Denkschrift. Stelle man die Texte in die von Kaiser rekonstruierte Reihenfolge, so ergebe sich kein kohärenter Text. Gleiches gelte auch für die Weheworte in ; . Andererseits sieht Irvine starke Kohärenzstörungen: der Wechsel vom Ich- zum Fremdbericht und wieder zurück, und seien keine autobiographischen Abschnitte und Heils- und Unheilsworte stünden unausgeglichen nebeneinander. Da in den Texten auch noch zwei Zielgruppen angesprochen werden, nämlich das Haus Davids und
Weitergeführt wurde die Kritik Irvines durch den Beitrag „Variations on the Theme: King, Messiah and Servant in the Book of Isaiah“ von Hugh G.M Williamson aus dem Jahr 1998. Seine Kritik an Budde erstreckt sich hauptsächlich auf drei Punkte: 1. Der Wechsel vom Ich-Bericht in Jes 6 zum Er-Bericht in Jes 7 und zurück zum Ich-Bericht in Jes 8 ließe sich nicht durch Textemendationen in Jes 7 überbrücken. 2. Die Tatsache, dass Jes 5 und ursprünglich ein Text sind, ist für Williamson kein ausreichendes Argument, um anzunehmen, die Denkschrift wurde als ursprünglich selbständiger Textblock in einen bestehenden Zusammenhang eingefügt. 3. Die Stellung von Jes 6 spreche gegen die von Budde geäußerte These, da es sich hier nicht um die Berufung, sondern allein um eine Beauftragung handle. So kommt Williamson zu der Aussage, der aktuelle Zusammenhang von Jes 6-8 sei redaktionell geschaffen und damit nicht auf Jesaja zurückführbar. Angelehnt sei dieser redaktionelle Text an Am 7-8 und Hos 1-3: Aus Am 7-8 stamme die Vorstellung des endgültigen Beschlusses Jahwes zum Gericht an Juda, aus Hos 1-3 der Wechsel von Ich- und Er-Bericht.
Mit ihrer kommunikationstheoretischen Analyse des Jesajabuches brachte Hanna Liss 2003 neue Überlegungen in die Diskussion um die Denkschrift ein. Sie kommt zu dem Ergebnis, Jes 6 sei nicht auf Jes 7-8 bezogen. Vielmehr sieht sie den Auftrag zur Verstockung als für das gesamte weitere Buch entscheidend an. Die Struktur der kommunikativen Nicht-Entsprechung werde erst mit dem eintretenden Gericht behoben. Dieses aber finde sich noch nicht in Jes 7-8. Redaktionsgeschichtlich geht sie von einer sekundären Bildung von Jes 7 nach dem Vorbild von Jes 8* aus. In Jes 7 sei das Thema der kommunikativen Nicht-Entsprechung im Bereich der Außenpolitik expliziert. Zeitlich ordnet sie in das späte 7.Jh. v. Chr. (Josia) ein, Jes 6 in das frühe 7. Jh. v. Chr. und Jes 8* in die 30er Jahre des 8. Jh.s v. Chr. und damit in die Zeit Jesajas.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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